Prozessvalidierung ist der dokumentierte Nachweis, dass ein Prozess dauerhaft ein Produkt erzeugt, das seine vorgegebenen Spezifikationen und Qualitätsmerkmale erfüllt. Sie stellt sicher, dass der Prozess reproduzierbar und robust ist.
Was ist Prozessvalidierung?
Prozessvalidierung ist mehr als nur "drei Chargen laufen lassen". Sie ist der systematische Nachweis, dass Ihr Prozess das tut, was er soll – reproduzierbar und zuverlässig über den gesamten Produktlebenszyklus.
Warum Prozessvalidierung?
| Grund | Erklärung |
|---|---|
| Regulatorisch | Gesetzliche Anforderung (FDA, EU GMP, ISO 13485) |
| Qualität | Nachweis, dass Produkte konsistent spezifikationsgerecht sind |
| Risiko | Reduzierung von Ausschuss, Rückrufen, Patientengefährdung |
| Wirtschaftlich | Weniger Nacharbeit, weniger Prüfaufwand |
Validierung vs. Verifizierung
| Begriff | Definition | Beispiel |
|---|---|---|
| Verifizierung | Prüfung gegen Spezifikation (Stichprobe) | 100 Tabletten wiegen, Mittelwert prüfen |
| Validierung | Nachweis der Prozessfähigkeit (systematisch) | 3 Chargen produzieren, Cpk berechnen |
Verifizierung prüft das Produkt. Validierung prüft den Prozess. Beide sind notwendig, aber sie ersetzen sich nicht gegenseitig.
Regulatorische Grundlagen
FDA Process Validation Guidance (2011)
Die FDA hat 2011 ihre Guidance grundlegend überarbeitet und den Lifecycle-Ansatz eingeführt:
| Phase | Name | Beschreibung |
|---|---|---|
| Stage 1 | Process Design | Prozesswissen aufbauen, Parameter festlegen |
| Stage 2 | Process Qualification | Nachweis, dass der Prozess reproduzierbar funktioniert |
| Stage 3 | Continued Process Verification | Laufende Überwachung im Routinebetrieb |
Der Lifecycle-Ansatz bedeutet: Validierung ist keine einmalige Aktivität, sondern ein kontinuierlicher Prozess über die gesamte Produktlebensdauer.
EU GMP Annex 15 (2015)
| Anforderung | Beschreibung |
|---|---|
| Prospektive Validierung | Vor Routineproduktion (Standard) |
| Concurrent Validation | Während Produktion (Ausnahme, begründet) |
| Retrospektive Validierung | Basierend auf historischen Daten (nicht mehr empfohlen) |
| Revalidierung | Bei Änderungen oder periodisch |
ISO 13485:2016
| Kapitel | Anforderung |
|---|---|
| 7.5.6 | Validierung von Prozessen für Produktion und Dienstleistung |
| 7.5.7 | Besondere Anforderungen an die Validierung von Sterilisationsprozessen |
ISO 13485 fordert Validierung insbesondere für spezielle Prozesse – Prozesse, deren Ergebnis nicht vollständig durch nachfolgende Prüfung verifiziert werden kann (z.B. Sterilisation, Schweißen, Beschichten).
Stage 1: Process Design
Ziel
Prozesswissen aufbauen und einen robusten Prozess entwickeln, der konsistent Qualitätsprodukte liefert.
Aktivitäten
| Aktivität | Beschreibung |
|---|---|
| Risikobewertung | Welche Parameter beeinflussen die Qualität? |
| DoE (Design of Experiments) | Systematische Versuchsplanung |
| CPP/CQA Identifikation | Kritische Parameter und Attribute festlegen |
| Design Space | Bereich, in dem Qualität gewährleistet ist |
| Kontrollstrategie | Wie werden Parameter kontrolliert? |
CPP und CQA
Critical Process Parameter (CPP): Prozessparameter, dessen Variabilität einen Einfluss auf ein kritisches Qualitätsmerkmal hat und der deshalb überwacht oder kontrolliert werden muss.
Critical Quality Attribute (CQA): Physikalische, chemische, biologische oder mikrobiologische Eigenschaft, die innerhalb eines definierten Bereichs liegen muss, um die gewünschte Produktqualität sicherzustellen.
| Prozess | CPP (Prozessparameter) | CQA (Qualitätsmerkmal) |
|---|---|---|
| Tablettierung | Presskraft, Geschwindigkeit | Härte, Zerfallszeit |
| Sterilisation | Temperatur, Zeit, Druck | Sterilität (SAL) |
| Spritzguss | Temperatur, Druck, Kühlzeit | Maßhaltigkeit, Oberfläche |
| Schweißen | Strom, Zeit, Anpressdruck | Festigkeit, Dichtheit |
Design Space
Proven Acceptable Range (PAR)
┌─────────────────────────────────────────────────┐
│ │
│ ┌─────────────────────────────┐ │
│ │ │ │
│ │ Design Space │ │
│ │ (validierter Bereich) │ │
│ │ │ │
│ │ ┌───────────────┐ │ │
│ │ │ Normal │ │ │
│ │ │ Operating │ │ │
│ │ │ Range (NOR) │ │ │
│ │ └───────────────┘ │ │
│ │ │ │
│ └─────────────────────────────┘ │
│ │
└─────────────────────────────────────────────────┘Investieren Sie Zeit in Stage 1! Ein gut verstandener Prozess macht Stage 2 einfacher und Stage 3 robuster. Viele Validierungsprobleme entstehen durch unzureichendes Prozessverständnis.
Stage 2: Process Qualification
Ziel
Nachweis, dass der Prozess unter realen Produktionsbedingungen reproduzierbar das gewünschte Ergebnis liefert.
Voraussetzungen
- □ Anlagen qualifiziert (IQ/OQ abgeschlossen)?
- □ Personal geschult?
- □ Arbeitsanweisungen freigegeben?
- □ Prüfmethoden validiert?
- □ Rohstoffe qualifiziert?
- □ Validierungsprotokoll genehmigt?
- □ Akzeptanzkriterien definiert?
PPQ – Process Performance Qualification
Process Performance Qualification (PPQ) ist der Nachweis, dass der Produktionsprozess unter Routinebedingungen konsistent Produkte liefert, die alle Qualitätsanforderungen erfüllen.
Wie viele Chargen?
| Ansatz | Beschreibung | Anwendung |
|---|---|---|
| Traditionell: 3 Chargen | Historische Konvention | Einfache, gut verstandene Prozesse |
| Statistisch begründet | Basierend auf Risiko und Variabilität | Komplexe Prozesse, höheres Risiko |
| Continued Process Verification | Weniger PPQ-Chargen, mehr Monitoring | Bei sehr gutem Prozessverständnis |
Die "3 Chargen-Regel" ist keine regulatorische Anforderung, sondern historische Praxis. Die FDA fordert eine statistisch begründete Anzahl. In der Praxis sind 3 Chargen oft der Mindeststandard, aber mehr können erforderlich sein.
PPQ-Durchführung
| Schritt | Aktivität |
|---|---|
| 1 | Validierungsprotokoll erstellen und genehmigen |
| 2 | Erhöhte Probenahme und In-Prozess-Kontrollen |
| 3 | Alle CPPs dokumentieren |
| 4 | Vollständige Produktprüfung |
| 5 | Statistische Auswertung (Cpk, Mittelwert, Streuung) |
| 6 | Abweichungen dokumentieren und bewerten |
| 7 | Validierungsbericht erstellen |
Statistische Auswertung
| Kennzahl | Bedeutung | Akzeptanzkriterium |
|---|---|---|
| Cpk | Prozessfähigkeit (zentriert) | ≥ 1,33 (oft ≥ 1,0 akzeptiert) |
| Cp | Prozessfähigkeit (nicht zentriert) | ≥ 1,33 |
| Ppk | Prozessleistung (Performance) | ≥ 1,33 |
| Mittelwert | Zentrallage | Innerhalb Spezifikation |
| Standardabweichung | Streuung | Möglichst gering |
Ein Cpk von 1,0 bedeutet: Der Prozess nutzt die gesamte Spezifikationsbreite aus. Bei 1,33 bleibt Sicherheitsmarge. Bei <1,0 produzieren Sie statistisch Ausschuss!
Stage 3: Continued Process Verification
Ziel
Sicherstellen, dass der Prozess während der Routineproduktion im validierten Zustand bleibt.
Aktivitäten
| Aktivität | Beschreibung | Häufigkeit |
|---|---|---|
| Prozessmonitoring | CPPs und CQAs überwachen | Laufend |
| Trendanalyse | Statistische Auswertung über Zeit | Periodisch (z.B. monatlich) |
| SPC (Statistical Process Control) | Regelkarten führen | Laufend |
| Annual Product Review | Jährliche Produktbewertung | Jährlich |
| Revalidierung | Bei Abweichungen oder Änderungen | Bei Bedarf |
Regelkarten (Control Charts)
UCL ─────────────────────────────────────────────── Obere Warngrenze
· · · ·
· · · · ·
CL ─────·───────·─────────────·───────────────────── Mittelwert
· · · ·
· · ·
LCL ─────────────────────────────────────────────── Untere Warngrenze
└───┴───┴───┴───┴───┴───┴───┴───┴───┴───┴───┘
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 (Chargen)Führen Sie Regelkarten für alle CPPs! Sie erkennen Trends, bevor Spezifikationsgrenzen überschritten werden. Das ist proaktives Qualitätsmanagement.
Wann ist Revalidierung erforderlich?
| Auslöser | Beispiel | Umfang |
|---|---|---|
| Prozessänderung | Neuer Lieferant, neue Parameter | Abhängig von Änderung |
| Anlagenänderung | Neues Equipment, Standortwechsel | Oft vollständige Revalidierung |
| Negative Trends | Cpk sinkt, Ausschuss steigt | Ursachenanalyse + ggf. Revalidierung |
| Out-of-Spec | Chargen außerhalb Spezifikation | Ursachenanalyse + ggf. Revalidierung |
| Regulatorische Änderung | Neue Anforderungen | Bewertung erforderlich |
| Zeitbasiert | Periodische Revalidierung | Risikobasiert festlegen |
Spezielle Prozesse
Spezielle Prozesse sind Prozesse, deren Ergebnis nicht vollständig durch nachfolgende Überwachung oder Messung am Produkt verifiziert werden kann. Bei diesen ist Validierung besonders kritisch.
Beispiele spezieller Prozesse
| Prozess | Warum speziell? | Validierungsanforderung |
|---|---|---|
| Sterilisation | Sterilität nicht zerstörungsfrei prüfbar | ISO 11135, ISO 17665, ISO 11137 |
| Schweißen | Festigkeit nur durch Zerstörung prüfbar | Schweißverfahrensprüfung |
| Beschichten | Haftung nur durch Zerstörung prüfbar | Beschichtungsvalidierung |
| Reinigung | Rückstände nicht immer messbar | Reinigungsvalidierung |
| Kleben | Festigkeit nur durch Zerstörung prüfbar | Klebprozessvalidierung |
| Versiegeln | Dichtheit nur durch Zerstörung prüfbar | Siegelvalidierung |
Sterilisationsvalidierung (Beispiel)
| Phase | Aktivität |
|---|---|
| IQ | Installation des Autoklaven prüfen |
| OQ | Temperaturverteilung, Leer-Kammer |
| PQ | Mit Beladung, Biologische Indikatoren |
| Routine | Physikalische Parameter + BI pro Charge |
Validierungsdokumentation
Validierungsmasterplan (VMP)
| Inhalt | Beschreibung |
|---|---|
| Geltungsbereich | Welche Prozesse, Anlagen, Produkte? |
| Verantwortlichkeiten | Wer macht was? |
| Strategie | Risikobasierter Ansatz |
| Dokumentation | Welche Dokumente werden erstellt? |
| Zeitplan | Wann wird was validiert? |
| Akzeptanzkriterien | Allgemeine Vorgaben |
| Revalidierung | Wann und wie? |
Validierungsprotokoll
- □ Zweck und Geltungsbereich
- □ Verantwortlichkeiten
- □ Prozessbeschreibung
- □ CPPs und CQAs
- □ Akzeptanzkriterien (quantitativ!)
- □ Versuchsplan (Chargenanzahl, Probenahme)
- □ Prüfmethoden und -anweisungen
- □ Dokumentationsformulare
- □ Abweichungsbehandlung
- □ Genehmigungen
Validierungsbericht
| Inhalt | Beschreibung |
|---|---|
| Zusammenfassung | Ergebnis: Bestanden/Nicht bestanden |
| Durchführung | Abweichungen vom Protokoll? |
| Ergebnisse | Rohdaten, statistische Auswertung |
| Abweichungen | Liste mit Bewertung und Maßnahmen |
| Schlussfolgerung | Prozess validiert? Einschränkungen? |
| Empfehlungen | Für Routinebetrieb, Monitoring |
| Freigabe | Unterschriften |
Praxisbeispiel: Validierung eines Tablettierungsprozesses
Stage 1: Process Design
Identifizierte CPPs:
- Presskraft
- Tablettiergeschwindigkeit
- Granulatfeuchte
Identifizierte CQAs:
- Tablettenhärte
- Zerfallszeit
- Wirkstoffgehalt
- Gewichtsvariation
DoE-Ergebnis:
- Presskraft hat größten Einfluss auf Härte
- Design Space: 10-15 kN Presskraft, 60-80 Tabl./min
Stage 2: PPQ
| Parameter | Charge 1 | Charge 2 | Charge 3 | Spezifikation | Cpk |
|---|---|---|---|---|---|
| Härte (N) | 85 ± 5 | 87 ± 4 | 84 ± 5 | 70-100 N | 1,67 |
| Zerfall (min) | 4,2 | 4,5 | 4,1 | ≤ 15 min | >2,0 |
| Gehalt (%) | 99,2 | 100,1 | 99,8 | 95-105% | 1,89 |
| Gewicht (mg) | 500 ± 3 | 501 ± 4 | 499 ± 3 | 490-510 mg | 1,42 |
Ergebnis: Alle Cpk > 1,33 → Prozess validiert
Stage 3: Continued Verification
Monitoring-Plan:
- Härte: Jede Stunde 10 Tabletten
- Gewicht: Alle 30 min Stichprobe
- Regelkarten für Härte und Gewicht
- Monatliche Trendauswertung
- Jährlicher APR (Annual Product Review)
Typische Fehler
Fehler 1: Validierung als einmaliges Projekt
"Wir haben vor 10 Jahren validiert, seitdem läuft es."
→ Stage 3 fehlt! Continued Verification ist Pflicht.
Fehler 2: Keine statistische Begründung
"Wir machen immer 3 Chargen."
→ Warum 3? Bei hohem Risiko oder hoher Variabilität brauchen Sie mehr.
Fehler 3: CPPs nicht überwacht
"Wir prüfen nur das Endprodukt."
→ Prozessüberwachung ist essenziell. Endprüfung allein reicht nicht.
Fehler 4: Änderungen ohne Bewertung
"Das war nur eine kleine Änderung am Prozess."
→ Jede Änderung muss auf Validierungsimpact bewertet werden.
Fehler 5: Unzureichende Dokumentation
"Die Daten sind irgendwo im System."
→ Validierungsdokumentation muss vollständig und auffindbar sein.
Branchenspezifische Anforderungen
Pharma (FDA/EU GMP)
| Anforderung | Quelle |
|---|---|
| Lifecycle-Ansatz (3 Stages) | FDA Guidance 2011 |
| Prospektive Validierung | EU GMP Annex 15 |
| Annual Product Review | 21 CFR 211.180 |
| Ongoing Process Verification | EU GMP Annex 15 |
Medizintechnik (ISO 13485)
| Anforderung | Quelle |
|---|---|
| Validierung spezieller Prozesse | ISO 13485:2016, 7.5.6 |
| Sterilisationsvalidierung | ISO 11135, 11137, 17665 |
| Verpackungsvalidierung | ISO 11607 |
Automotive (IATF 16949)
| Anforderung | Quelle |
|---|---|
| PPAP (Production Part Approval) | AIAG |
| Run@Rate | IATF 16949 |
| SPC als Standard | AIAG SPC Manual |
| MSA (Measurement System Analysis) | AIAG MSA Manual |
Zusammenfassung
✓ Stage 1 – Process Design: Prozess verstehen, CPP/CQA identifizieren
✓ Stage 2 – Process Qualification: PPQ mit statistischer Auswertung
✓ Stage 3 – Continued Verification: Laufende Überwachung, Regelkarten
✓ Lifecycle-Ansatz: Validierung ist nie "fertig"
✓ Statistik: Cpk ≥ 1,33 als Ziel
✓ Dokumentation: VMP → Protokoll → Bericht
✓ Spezielle Prozesse: Besondere Aufmerksamkeit
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