Computer System Validation

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1. Was ist Computer System Validation?

Computer System Validation (CSV) - Definition

Computer System Validation (CSV) ist der dokumentierte Nachweis, dass ein computergestütztes System konsistent und reproduzierbar gemäß seiner Spezifikation und den regulatorischen Anforderungen arbeitet. CSV stellt sicher, dass Software in regulierten Umgebungen zuverlässig und nachvollziehbar funktioniert.

Warum CSV?

AspektErklärung
DatenintegritätElektronische Daten müssen verlässlich und unverfälscht sein
RückverfolgbarkeitWer hat wann was geändert?
RegulatorischFDA, EU GMP, ISO 13485 fordern validierte Systeme
PatientensicherheitFehlerhafte Software kann Patienten gefährden
Audit TrailJede Änderung muss nachvollziehbar sein

Was ist ein "Computergestütztes System"?

Computergestütztes System - Definition

Ein computergestütztes System besteht aus Hardware, Software, Netzwerkkomponenten, Peripheriegeräten, Dokumentation, Personal und den zugehörigen Prozessen, die zusammen eine bestimmte Funktion erfüllen.

Beispiele:

KategorieBeispiele
LaborLIMS, HPLC-Software, Waagen-Software
ProduktionSCADA, MES, SPS-Steuerungen
QualitätQMS-Software, CAPA-Systeme, Dokumentenmanagement
LogistikERP (SAP, etc.), Warehouse Management
KlinischEDC-Systeme, eCTD, eTMF

2. Regulatorische Grundlagen

21 CFR Part 11 (FDA)

21 CFR Part 11 - Definition

21 CFR Part 11 ist die FDA-Verordnung, die Anforderungen an elektronische Aufzeichnungen und elektronische Unterschriften definiert. Sie legt fest, wann elektronische Dokumente als gleichwertig zu Papierdokumenten gelten.

Kernanforderungen:

AnforderungBeschreibung
Audit TrailAutomatische Aufzeichnung aller Änderungen
Elektronische SignaturenEindeutig, nicht übertragbar, mit Zeitstempel
ZugriffskontrolleBenutzer-IDs, Passwörter, Berechtigungen
System SecuritySchutz vor unbefugtem Zugriff
DatenintegritätALCOA+ Prinzipien

ALCOA+ Prinzipien

BuchstabeBedeutungErklärung
AAttributableWer hat die Daten erzeugt?
LLegibleLesbar und dauerhaft
CContemporaneousZeitnah erfasst
OOriginalOriginalaufzeichnung oder zertifizierte Kopie
AAccurateFehlerfrei und korrekt
+CompleteVollständig
+ConsistentWiderspruchsfrei
+EnduringDauerhaft verfügbar
+AvailableBei Bedarf zugänglich

EU GMP Annex 11

KapitelAnforderung
RisikomanagementRisikobasierter Ansatz für Validierungsumfang
PersonalSchulung und Qualifikation
LieferantenLieferantenbewertung für Software
ValidierungDokumentierter Nachweis der Eignung
DatenIntegrität, Backup, Archivierung
SecurityZugriffskontrolle, Audit Trail
ÄnderungenChange Control für alle Änderungen
Periodische BewertungRegelmäßige Überprüfung

ISO 13485:2016

KapitelAnforderung
4.1.6Validierung von Software für QMS
7.5.6Validierung von Produktionssoftware
7.6Validierung von Software für Überwachung/Messung

3. GAMP 5: Der Industriestandard

GAMP 5 - Definition

GAMP 5 (Good Automated Manufacturing Practice) ist ein Leitfaden der ISPE, der einen risikobasierten Ansatz für die Validierung computergestützter Systeme in regulierten Industrien beschreibt.

GAMP 5 Softwarekategorien

KategorieBeschreibungBeispieleValidierungsaufwand
1Infrastruktur-SoftwareBetriebssysteme, Datenbanken, NetzwerkGering (Konfiguration dokumentieren)
3Nicht-konfigurierbare SoftwareFirmware, einfache ToolsMittel (Funktionstest)
4Konfigurierbare SoftwareERP, LIMS, MES (Standard)Mittel-Hoch (Konfiguration validieren)
5Maßgeschneiderte SoftwareEigenentwicklung, Custom CodeHoch (Vollständiger SDLC)
ℹ️

Info

Kategorie 2 (Firmware) wurde in GAMP 5 Second Edition in Kategorie 3 integriert. Die meisten aktuellen Referenzen sprechen von Kategorien 1, 3, 4 und 5.

Validierungsaufwand nach Kategorie

Validierungsaufwand
        ▲
        │
Hoch    │                                    ┌─────┐
        │                                    │ Kat │
        │                            ┌─────┐ │  5  │
        │                            │ Kat │ │     │
Mittel  │                    ┌─────┐ │  4  │ │     │
        │            ┌─────┐ │ Kat │ │     │ │     │
        │            │ Kat │ │  4  │ │     │ │     │
Gering  │    ┌─────┐ │  3  │ │(low)│ │(high)│     │
        │    │ Kat │ │     │ │     │ │     │ │     │
        │    │  1  │ │     │ │     │ │     │ │     │
        └────┴─────┴─┴─────┴─┴─────┴─┴─────┴─┴─────┴──►
             Infra-  Nicht-  Konfig. Konfig. Custom
             struktur konf.  (simple) (complex)

4. Der CSV-Lifecycle

V-Modell für CSV

Anforderungen                              Qualifizierung/Test
     │                                            │
     ▼                                            ▼
┌─────────────┐                          ┌─────────────┐
│    URS      │◄────────────────────────►│    PQ       │
│(User Req.)  │                          │(Performance)│
└─────────────┘                          └─────────────┘
     │                                            ▲
     ▼                                            │
┌─────────────┐                          ┌─────────────┐
│    FS       │◄────────────────────────►│    OQ       │
│(Functional) │                          │(Operational)│
└─────────────┘                          └─────────────┘
     │                                            ▲
     ▼                                            │
┌─────────────┐                          ┌─────────────┐
│    DS/CS    │◄────────────────────────►│    IQ       │
│(Design/Conf)│                          │(Installation)│
└─────────────┘                          └─────────────┘
                      │
                      ▼
               ┌─────────────┐
               │   Coding/   │
               │   Config    │
               └─────────────┘

CSV-Phasen

PhaseAktivitäten
PlanungValidierungsplan, Risikobewertung, Kategorisierung
SpezifikationURS, FS, DS/CS
Konfiguration/EntwicklungSystem einrichten, Code entwickeln
TestIQ, OQ, PQ, UAT
FreigabeValidierungsbericht, Go-Live-Freigabe
BetriebChange Control, periodische Reviews
AußerbetriebnahmeDatenmigration, Archivierung

5. Validierungsdokumentation

Validierungsplan (VP)

Checkliste: Inhalte Validierungsplan

  • ☐ Systembeschreibung
  • ☐ Geltungsbereich
  • ☐ GAMP-Kategorie
  • ☐ Risikobewertung
  • ☐ Validierungsstrategie
  • ☐ Rollen und Verantwortlichkeiten
  • ☐ Zu erstellende Dokumente
  • ☐ Testansatz
  • ☐ Akzeptanzkriterien
  • ☐ Zeitplan
  • ☐ Genehmigungen

User Requirements Specification (URS)

URS - Definition

Die User Requirements Specification (URS) beschreibt, was das System aus Anwendersicht leisten muss. Sie ist die Basis für alle weiteren Spezifikationen und Tests.

AbschnittInhalt
ZweckWofür wird das System verwendet?
Funktionale AnforderungenWas muss das System tun?
DatenanforderungenWelche Daten werden verarbeitet?
SchnittstellenMit welchen Systemen wird kommuniziert?
Regulatorische Anforderungen21 CFR Part 11, Annex 11, etc.
LeistungsanforderungenGeschwindigkeit, Verfügbarkeit
SicherheitsanforderungenZugriff, Audit Trail, Backup
💡

Praxis-Tipp

Schreiben Sie URS so, dass sie testbar ist! "Das System soll benutzerfreundlich sein" ist nicht testbar. "Der Benutzer kann einen Datensatz in maximal 3 Klicks anlegen" ist testbar.

6. Testen: IQ, OQ, PQ

Die Testphasen IQ, OQ und PQ sind zentral für die Validierung. Jede Phase prüft gegen verschiedene Spezifikationen und wird von unterschiedlichen Rollen durchgeführt.

TestWas wird geprüft?Beispiele
IQInstallation & KonfigurationServer installiert, Software-Version korrekt, Backup funktioniert
OQFunktionen & FeaturesBerechnungen korrekt, Audit Trail protokolliert, Zugr iffsrechte funktionieren
PQ/UATGeschäftsprozesse End-to-EndWorkflows mit echten Daten, Performance unter Last, Anwenderakzeptanz
⚠️

Wichtig

Testen Sie auch negative Szenarien! Was passiert bei falschen Eingaben? Bei Netzwerkausfall? Bei zu vielen gleichzeitigen Benutzern? Diese Tests sind oft wichtiger als die "Happy Path" Tests.

7. Audit Trail und elektronische Unterschriften

ElementBeschreibung
WerBenutzer-ID (eindeutig)
WasWelche Daten wurden geändert
WannZeitstempel (mit Zeitzone)
WarumGrund für Änderung (wenn erforderlich)
Alter WertVorheriger Zustand
Neuer WertAktueller Zustand
⚠️

Kritisch

Der Audit Trail muss unveränderlich sein! Wenn Benutzer den Audit Trail deaktivieren oder Einträge löschen können, ist das System nicht Part 11 compliant.

8. Change Control und Maintenance

┌─────────────────┐
│ Change Request  │
└────────┬────────┘
         │
         ▼
┌─────────────────┐
│   Bewertung     │
│ (Impact, Risiko)│
└────────┬────────┘
         │
         ▼
┌─────────────────┐     Nein
│  Genehmigung?   │─────────► Ablehnung
└────────┬────────┘
         │ Ja
         ▼
┌─────────────────┐
│  Implementierung│
│   (Test, Doku)  │
└────────┬────────┘
         │
         ▼
┌─────────────────┐
│    Freigabe     │
└────────┬────────┘
         │
         ▼
┌─────────────────┐
│ Validierungs-   │
│ dokumente       │
│ aktualisieren   │
└─────────────────┘

9. Typische Fehler vermeiden

⚠️

Diese Fehler führen zu FDA Warning Letters:

  • Kein Audit Trail: Änderungen nicht nachvollziehbar
  • Shared Logins: Mehrere Benutzer verwenden denselben Account
  • Keine Change Control: Updates ohne Bewertung eingespielt
  • Excel nicht validiert: Spreadsheets mit GxP-Berechnungen nicht validiert
  • Backup nie getestet: Wiederherstellung funktioniert nicht
  • Veraltete Dokumentation: Validierungsdoku nicht aktuell

14. Zusammenfassung

CSV auf einen Blick

Regulatorisch: 21 CFR Part 11, EU GMP Annex 11, ISO 13485

GAMP 5: Kategorien 1, 3, 4, 5 mit unterschiedlichem Aufwand

Datenintegrität: ALCOA+ Prinzipien

Audit Trail: Wer, Was, Wann, Warum – unveränderlich

Risikobasiert: Aufwand nach GxP-Relevanz

Dokumentation: URS → FS → CS/DS → IQ → OQ → PQ

Change Control: Jede Änderung bewerten und dokumentieren

Periodische Reviews: System bleibt validiert

CSV-Projekt geplant oder Audit steht bevor?

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