FMEA: Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse

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Fortgeschritten

1. Was ist eine FMEA?

FMEA - Definition

FMEA (Failure Mode and Effects Analysis) ist eine systematische, präventive Analysemethode zur Identifikation potenzieller Fehler, deren Ursachen und Auswirkungen – bevor sie auftreten. Ziel ist die Risikominimierung durch frühzeitige Gegenmaßnahmen.

Die FMEA wurde in den 1960er Jahren von der NASA für das Apollo-Programm entwickelt. Heute ist sie Standard in nahezu allen Industrien – von Automotive über Medizintechnik bis zur Luft- und Raumfahrt.

Kernidee: Fehler zu finden ist teuer. Fehler zu verhindern ist günstiger. Je früher ein Fehler erkannt wird, desto geringer die Kosten.

EntdeckungszeitpunktRelative KostenBeispiel
Konzeptphase1xFehler im CAD erkannt
Entwicklung10xPrototyp versagt im Test
Produktion100xAusschuss, Nacharbeit
Beim Kunden1.000xRückruf, Imageschaden
Feldversagen (kritisch)10.000x+Produkthaftung, Verletzungen

2. FMEA-Arten: Design vs. Prozess

Es gibt zwei Haupttypen der FMEA, die sich in ihrem Fokus unterscheiden:

AspektDesign-FMEA (DFMEA)Prozess-FMEA (PFMEA)
FokusProduktdesignFertigungsprozess
Fragestellung"Was kann am Produkt versagen?""Was kann bei der Herstellung schiefgehen?"
ZeitpunktEntwicklungsphaseProzessplanung
VerantwortungEntwicklung/KonstruktionProduktion/Qualität
BeispielSchweißnaht reißt unter LastSchweißtemperatur zu niedrig eingestellt
ℹ️Info

In der Medizintechnik (ISO 13485) wird zusätzlich oft eine Use-FMEA(Anwendungs-FMEA) durchgeführt, die analysiert, wie Anwender das Produkt falsch benutzen könnten.

3. Die 7 Schritte der FMEA

Schritt 1: FMEA-Team zusammenstellen

Eine FMEA ist Teamarbeit. Typische Teilnehmer:

  • Konstruktion/Entwicklung
  • Produktion/Fertigung
  • Qualitätsmanagement
  • Einkauf (bei kritischen Zukaufteilen)
  • Service/Kundendienst (bei Felderfahrung)
💡Praxis-Tipp

Laden Sie immer einen "Querdenker" ein – jemanden, der nicht täglich am Produkt arbeitet. Frische Perspektiven finden Fehler, die Insider übersehen.

Schritt 2: Systemgrenzen und Umfang definieren

Bevor Sie loslegen: Was genau wird analysiert?

  • Welche Baugruppe/welcher Prozess?
  • Welche Schnittstellen?
  • Welche Betriebszustände (normal, Grenzbereich, Fehlbedienung)?
  • Welche Normanforderungen gelten?
ℹ️Info

Eine zu breite FMEA wird oberflächlich. Eine zu enge übersieht Systemfehler. Die richtige Granularität ist entscheidend.

Schritt 3: Funktionen und Anforderungen analysieren

Für jedes Element definieren:

  • Funktion: Was soll es tun?
  • Anforderung: Welche Spezifikation muss erfüllt sein?
ElementFunktionAnforderung
DichtungFlüssigkeit abdichtenLeckrate < 0,1 ml/min bei 3 bar
SensorTemperatur messenGenauigkeit ±0,5°C im Bereich 0-100°C
GehäuseElektronik schützenIP67, Falltest 1m auf Beton

Schritt 4: Fehlerarten identifizieren (Failure Modes)

Für jede Funktion: Was kann schiefgehen?

Systematische Fragestellungen:

  • Funktion wird nicht erfüllt
  • Funktion wird nur teilweise erfüllt
  • Funktion wird übermäßig erfüllt
  • Funktion wird intermittierend erfüllt
  • Funktion wird zum falschen Zeitpunkt erfüllt

Schritt 5: Risikobewertung (S × O × D)

Das Herzstück der FMEA: Jede Fehlerart wird nach drei Kriterien bewertet:

KriteriumAbkürzungFrageSkala
Severity (Bedeutung)SWie schwerwiegend ist die Auswirkung?1-10
Occurrence (Auftreten)OWie wahrscheinlich tritt der Fehler auf?1-10
Detection (Entdeckung)DWie wahrscheinlich wird der Fehler entdeckt?1-10

Risikoprioritätszahl (RPZ) = S × O × D

Wertebereich: 1 (minimales Risiko) bis 1.000 (maximales Risiko)

SBedeutungBeschreibung
1KeineFehler hat keine Auswirkung
2-3GeringKunde bemerkt Fehler kaum
4-6MäßigKunde unzufrieden, Funktion eingeschränkt
7-8HochFunktion versagt, Reklamation wahrscheinlich
9Sehr hochSicherheitsrelevant, Gesetzesverstoß möglich
10GefährlichPersonenschaden möglich ohne Vorwarnung
⚠️Häufiger Fehler

RPZ-Werte allein sagen wenig aus! Ein Fehler mit S=10, O=1, D=8 (RPZ=80) ist kritischer als einer mit S=4, O=5, D=5 (RPZ=100). Die Severity muss immer priorisiert betrachtet werden.

Schritt 6: Maßnahmen definieren

Für jeden Fehler mit hohem Risiko: Was tun wir dagegen?

TypZielBeispiel
VermeidungsmaßnahmeO reduzierenMaterialänderung, Toleranzanpassung
EntdeckungsmaßnahmeD reduzierenZusätzliche Prüfung, Sensor
Design-ÄnderungS reduzierenFail-Safe-Konstruktion
💡Praxis-Tipp

Priorisieren Sie Maßnahmen, die die Severity oder Occurrencereduzieren. Eine bessere Entdeckung (D) verhindert nicht den Fehler – sie findet ihn nur früher.

Schritt 7: Wirksamkeit prüfen und Neubewertung

Nach Umsetzung der Maßnahmen:

  • RPZ neu berechnen
  • Dokumentieren, wer was wann umgesetzt hat
  • Restrisiko akzeptabel?
FehlerartSODRPZ (alt)MaßnahmeSODRPZ (neu)
Dichtung undicht756210Materialwechsel + 100%-Prüfung72342
Sensor ungenau647168Kalibrierprüfung64248

4. FMEA in der Medizintechnik

ℹ️Info

In der Medizintechnik ist FMEA Teil des Risikomanagements nach ISO 14971. Sie ist oft verpflichtend für die Zulassung (CE-Kennzeichnung, FDA).

Besonderheiten in MedTech:

  • Strenge Dokumentationsanforderungen
  • Verknüpfung mit Risikomanagementakte
  • Rückverfolgbarkeit zu Design Inputs
  • Berücksichtigung von Anwendungsfehlern (Use-FMEA)
  • Regelmäßige Aktualisierung im Produktlebenszyklus
NormFMEA-AnforderungBesonderheit
ISO 9001Risikobasiertes Denken (Kap. 6.1)FMEA empfohlen, nicht explizit gefordert
ISO 13485Risikomanagement (Kap. 7.1)FMEA als typische Methode
ISO 14971Risikobewertung (Kap. 5)FMEA explizit als Beispielmethode genannt
IATF 16949PFMEA/DFMEA (Kap. 8.3.5)Verpflichtend, detaillierte Vorgaben

5. Typische Fehler bei der FMEA

Fehler 1: Einmal erstellt, nie aktualisiert

Die FMEA ist ein lebendes Dokument. Sie muss aktualisiert werden bei:

  • Designänderungen
  • Prozessänderungen
  • Feldfehlern
  • Neuen Erkenntnissen

Fehler 2: Zu breite oder zu enge Systemgrenzen

  • Zu breit → oberflächliche Analyse
  • Zu eng → Schnittstellen-Fehler übersehen

Fehler 3: RPZ als einziges Entscheidungskriterium

Ein niedriger RPZ-Wert bedeutet nicht automatisch "sicher". Severity muss immer gesondert betrachtet werden.

Fehler 4: FMEA als Einzelaktion statt Teamprozess

FMEA lebt vom interdisziplinären Austausch. Eine FMEA am Schreibtisch allein erstellt verfehlt den Zweck.

Fehler 5: Maßnahmen ohne Verantwortlichen und Termin

"Irgendwann prüfen wir das" ist keine Maßnahme. Jede Maßnahme braucht:

  • Verantwortliche Person
  • Termin
  • Nachweis der Umsetzung

6. FMEA-Tools und Software

ToolEignungKosten
ExcelEinstieg, kleine ProjekteGering
APIS IQ-RMAutomotive-StandardHoch
Plato SCIOMedizintechnikMittel-Hoch
Siemens TeamcenterGroßunternehmenSehr hoch
Open-Source (z.B. OpenFMEA)Einfache AnwendungenKostenlos
💡Praxis-Tipp

Für KMU und Einstieg: Starten Sie mit Excel. Eine gut strukturierte Tabelle reicht für die meisten Anwendungen. Die Software kann später kommen.

7. Zusammenfassung

FMEA auf einen Blick:
  • ✓ Präventive Fehlererkennung vor Produktion/Einsatz
  • ✓ Teambasierte, systematische Analyse
  • ✓ Risikobewertung mit S × O × D = RPZ
  • ✓ Maßnahmen priorisiert nach Severity
  • ✓ Lebendes Dokument – regelmäßig aktualisieren
  • ✓ In MedTech: Verknüpfung mit ISO 14971

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